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Mit freundlicher Genehmigung durch Herrn Reinsch Boris, zeige ich hier eine interessante Zusammenfassung eines Artikels, den Herr Reinsch verfasst hat.
Den Artikel kann man sich auch in der Orginal-PDF Version anschauen wenn man dem gegenüber liegenden Link folgt. Ich wünsche viel Freude beim lesen.
"Vom Leben im Atem des Drachen"
PDF-Datei
Vom Leben im Atem des Drachen
Wer kennt ihn nicht, den Cayennepfeffer (capsicum annuum ), der einst im Gepäck spanischer Seefahrer, seine weltumsegelnde Reise antrat. Spuren dieser Reise finden sich noch heute in fast allen Ländern, die entlang der alten Handelsrouten oder im Einflußbereich einstiger Freibeuter lagen. Und wenn auch die äquatorialen Regionen dieser Erde die bevorzugten Wachstumsbereiche jenes Cayennepfeffers waren, so erstrecken sich seine Anbaugebiete heute bis in dieWeiten Sibiriens und in so manches, mit Herzenswärme geheiztes Gewächshaus echter Liebhaberei, vom nördlichen Schweden bis nach Kapstadt.Doch wie Columbus es ahnte, ist die Welt eine Kugel. Suchte er doch den kürzesten Weg zum Pfeffer, so fand er die Beißbeere, wie der Cayennepfeffer, aus dem atztekischen Wortmund abgeleitet genannt wurde, die sich daraufhin einem roten Band um diese Erde gleich verbreitete. Auf ihrem Weg in das kulinarische Herz so mancher Kultur, verdrängte die Beißbeere sogar die ein oder andere auf Pfeffer basierende Würztradition. Der noch heute bekannte Cayennepfeffe bildete auf diesem Weg die züchterische Grundlage, auf der sich in den Einreiseländern hunderte neuer regionaler Sorten entwickelten. Botanisch betrachtet werden neben vielen Wildarten, hier ist international gehandelt die Capsicum annuum Urform Tepin und die Pequin, die zumeist aus Wildsammlung im Süden der USA oder Mexico stammen zu nennen, fünf domestezierte Arten beschrieben. Botanisch werden die im Folgendem näher beschriebenen Arten Capsicum annuum - frutescens - chinense, als von einer Urform abstammend, zu einer Gruppe zusammengefasst. Capsicum annuum bildet die in der Welt am weitesten verbreitete Art, zu der neben Cayenne auch Peperoncini, Pepperoni, African Birdeyes, jener wohl bekannte französische Piment oder die Gemüsepaprika gehört. Capsicum frutescens, eine botanisch Gruppe, zu der die bekannte Tabasco ebenso wie die brasilianischen Malagueta´s gerechnet werden, bildet mit ca. 250 zur Zeit verzeichneten Sorten die kleinst Ausdrucksart im Dreierkomplex. Eine weitere Gruppe, Capsicum chinense, die aufgrund ihrer erhöhten Wärmebedürftigkeit eine eher tropische Umgebung bevorzugt, breitet sich, von Mittel und Südamerika kommend heute über weite Bereiche Zentralafrikas, Südost Asien bis nach Taiwan aus. Die hier zu Lande wohl bekanntesten Vertreter dieser Gruppe sind die Habanero aus Yucatan und die Scotch bonnet aus dem karibischen Raum. Das nebenstehende Bild gibt einen Eindruck des Formenreichtums dieser Gruppe.
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In Südamerika, von eher regionaler Bedeutung, ist die sortenreiche Gruppe der Capsicum baccatum, ohne die die andine Küche undenkbar wäre. Legendäre Sorten, wie die aus dem Quetchua kommenden Namen Chinch Uchu und Kellu Uchu bezeichnen Sorten dieser botanischen Art. Über Südamerika hinaus sind nur wenige Ausdrucksarten dieser Gruppe bekannt und die vertrauteste ist sicherlich jene glockenformbildende Frucht, die die Portugiesen mitbrachten und welche heute zumeißt unter dem Namen Piri Piri bekannt ist. Ebenso in den Bergregionen Süd.- und Mittelamerikas beheimatet und regional genutzt, ist die Art Capsicum pubescens, auch Baumchili, Mazano oder Rojo genannt. Wie diese einführenden Worte es sicherlich schon zum Ausdruck bringen, ist der Sortenreichtum dieser Beißbeere phantastisch und mit ca. 4000 zur Zeit verzeichneter Sorten atemberaubend. Jedem der sich ein eigenes Bild über diesen Reichtum verschaffen m öchte sei die Web-Seite von Mark und Julian (w w w .thechileman.org) empfohlen. Ebenso bunt sind die Namen, die die Kulturen für ihre Benennung fanden und Chili will ich sie im Weiteren nennen. Doch was ist es, das die Menschen bewegte diese Chili in jener zeitschnellen Geste der Großzügigkeit in das Herz ihrer kulinarischen Traditionen z u integrieren? War es die Viefalt ihrer Erscheinung im zuvor genannten Sortenreichtum?
Berechtigt wäre es, denn mit fast jeder Sorte begegnet dem detailverliebten Genießer eine hochkomplexe Fülle an Aromen, die eben chilispezifisch, und somit einzigartig sind. Doch angesichts der Tatsache, das anfangs nur sehr wenige Sorten die Neue Welt verließen, die als Basis einer weiteren Domestizierung die Welt umreisten, möchte ich den Blick auf eine zweite Besonderheit im Wesen der Chili lenken, die Schärfe. Durch züchterischen Einsatz können wir heute zwar auch schärfebefreite Chilisorten essen, doch wir können auch seelenlosen alkoholfreien Wein trinken. Die Schärfe der Chili, h ervorgerufen durch einen Alkaloidkomplex, von dem Capsaicin das am besten erforschte ist, wirkt auf die Nerven, die für die Empfindung von Hitze verantwortlich sind, daher w ohl der Eindruck des Feuers, welches entlang des Atems zu lodern beginnt. Es ließen sich an dieser Stelle Seiten, gefüllt mit Information über diesen wunderbaren Alkaloidkomplex einfügen, doch beschränke ich mich auf das Spezielle und das ist die Einzigartigkeit von Schärfe, die sich in ihrer ganz besonderen Art in die geschmackliche Wahrnehmung integriert. Sie ist dabei nicht betäubend, wie die einiger Pfeffergewächse (z .B. Pipali oder Betelpfeffer) und tritt nicht in dieser etherischen Kühle eines Senfes oder Meerrettichs in die Sinne, sondern äußert sich in direkter Klarheit da, wo die Tore des Genusses ruhen.
Diese Eigenart weißt die größte Analogie zur Geschmacksempfindung salzig, die die Chili selbst nicht bedient auf und läßt sich so hervorragend im Sinne eines Geschmackverstärkers in der Küche einsetzen. Darüber hinaus ist als viertens der Eindruck treibend zu nennen, der in mancherlei Hinsicht herausfordernd wirkt, da er sich oft in einer verzögerten Äußerung zeigt. Da sich der Schärfeeindruck, wie schon erwähnt, über das Hitzeempfinden ausdrückt und im Eigentlichen die Geschmackssinne nicht stimuliert, ist dieser vierte Charakter da von besonderem Interesse, wo Aromen in die Maßlosigkeit gesteigert werden sollen.
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Diese Tore im Atem des Drachen zu öffnen ist der Schlüssel zur Seele der Chili. An dieses Vorhaben sollte jeder Gelegenheitsnascher jedoch mit Bedacht und zu Anfang kleinen Dosen herantreten, denn nur da, wo es der Wahrnehmung gelingt auf dem Kamm der feurigen Welle im Atem des Drachen zu reiten öffnen sich die Pforten und spülen ein Meer aromatischer Eindrücke über die Zunge. Doch gleicht nicht jede Welle der Anderen und so sind es fünf an der Zahl, die meinen bisherigen Erfahrungen nach den Atem des Drachen im Schärfeeindruck charaktarisieren. Die erste Chraktereigenschaft möchte ich als trockene Schärfe beschreiben. Sie zeigt sich zumeist in Sorten der Art Capsicum annuum und Capsicum baccatum. Als Zweites ist eine als schwül in den Eindruck tretende Schärfe, in vielen Sorten der Art Capsicum chinense zu nennen. Dieser Schärfecharakter breitet sich zügig bis tief in den Rachen hinein aus und zeigt sich vereinahmend. Drittens wäre der Eindruck feurig, mit seiner dem Feuerähnlichen Eigenschaft der Umwandlung.
Ich kultiviere eine Capsicum annuum aus der Region Kathmandu, die diese Eigenschaft in der speziellen Weise zeigt, dass dem Genießer zwei bis drei Atemzüge ein vollkommen schärfefreier Aromaeindruck gewährt wird, bis dass sich eine langsam steigernde, treibende Schärfeentfaltung, den Schwingen eines Phönix gleich, an diesen Ersteindruck heftet und ihn in das Reich der Unbegreiflichkeit hebt. Auf der Basis dieser Chili habe ich über die letzten Jahre viele Experimente mit Schokolade gemacht, eine nach atztekischer Kunst gewürzte Schokolade, die darüber hinaus noch eine Prise Yauthli enthalten sollte, erweckt, in der Betrachtung der Gesichtszüge eines Geniessers jene unstillbare Sehnsucht zeitloser Zufriedenheit. Dies ist mit dem, für die Wahrnehmung neutralen chemisch reinen Capsaicin, welches zwar scharf, doch unspezifisch ist, nicht zu erreichen. Als Fünftes und letztes möchte ich den Eindruck von klar im Charakter darstellen, der sich in wenigen mir bekannten Sorten äußert.
Die in Deutschland vielleicht am besten bekannte Sorte die diesen Charakter in Ansätzen zeigt ist die in Italien bekannte Pequin from Ischia und sie eignet sich hervorragend für Verbindungen mit Käse oder Joguhrt. Ich möchte noch einmal erwähnen, dass der Schärfecharakter der Chili nicht mit der objektiv vorhandenen Konzentration von Capsaicin und seinen Nebenalkaloiden identisch ist. Letzterer wird wissenschaftlich in Scoville, nach einem U.S. Pharmakologen bennant, gemessen. Der Charakter hingegen zeigt sich entlang der Zusammenstellung der einzelnen Alkaloide und ist der eigentliche Faktor, der in Verbindung mit dem Scovillewert absolut individuell den Eindruck von Schärfe entstehen läßt. Diese Aussage schöpfe ich aus meinen vielen Beobachtungen, die ich in den letzten Jahren während vieler Chiliverköstigungen in den Worten der Menschen, die zu mir kamen bestätigt fand. Doch nicht nur Schärfe, Schärfeverhalten und Sortenreichtum zeichnen die Chili in ihrer ganz eigenen Ausdrucksart aus. Zuvor schon erwähnt, doch nicht näher erläutert, möchte ich abschließend noch kurz den Bereich der Aromen, die, abgesehen vom Salzigen alle Geschmackssinne reichlich verführen, betrachten.
Da die Welt dieser Aromen vom Fluidum des Schärfeverhaltens durchzogen ist, ist eine getrennte Betrachtung nur Methode. Bei der Beschreibung der Aromen oder besser der Aromenkomplexe bin ich letztlich auf Analogiebeschreibungen von bekannten Aromen angewiesen, da den meisten Lesern die Welt der Chili in ihrer vergleichenden Fülle nicht unbedingt vertraut ist. Betrachten wir die Welt der Capsicum botanik durch die Sinnlichkeit unserer Zunge ergeben sich erstaunliche Beziehungen, derer ich hier nur eine Oberflächenschau gestaltend, Sie hoffentlich genügend zum Selbstversuch anrege. Ich hatte in den vergangen Jahren das Glück nich t nur einige Hundert Chilisorten zu probieren, sondern darüber hinaus diese auch im eigenen Garten zu kultivieren, und ehrlich gesagt bin ich ganzjährig und stündlich inmitten eines Jungles dieser Gewächse. Die feste Sammlung die ich zur Zeit hege umfasst 350 zumeißt recht unbekannte Sorten und eine Handvoll eigener Züchtungen. Neben dem Anbau und Erhalt dieser Sorten begeistert mich, wie jeden Chililiebhaber das Aroma dieser Früchte.
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So lag es nicht fern, daß ich vor Jahren damit begann, genaue Aromastudien unter jährlich wechselnden Anbaubedingungen zu dokumentiren, diese mit den Beschreibungen anderer Chilifreunde in der Welt zu vergleichen oder die Aussagen anderer Menschen während einer der jährlich im Herbst stattfindenden Chiliverköstigungen zu notieren. Aus den Bergen geduldigen Papiers kann ich nur sagen, daß ich keine Sorte probiert habe die im Detail der Anderen gleicht, bestenfalls lassen sich auf der Basis vergleichender Anschauung, ähnlich des Schärfeverhaltens einzelne Hauptklänge beschreiben. Da der aromatische Genuß an die Geruchsinne gekoppelt ist, k ann ich jedem Neuling den Duft der Chili als Einstiegstor empfehlen. Das Thema dieser Hauptklänge allein ist so umfangreich, daß ich hier nur einen kleinen Erstblick versuchen möchte. Die Aromen der Chili sind nicht im Sinne eines Begriffs, also statisch festzulegen. Sie entfalten sich entlang des Schärfeverhaltens und zeigen somit eine innere Dynamik . Dabei öffnen sie Ähnlichkeiten zu vielen vertrauten Aromen und Düften, oft aus den Bereichen verschiedener Früchte, Beeren, dem Grüntee, diverser Blütendüfte, dem Rauch offener Feuer, Honig und Citrusfrüchten, um einige zu nennen. Ein typischer Hauptklang der Art Capsicum baccatum zeigt sich mir in der Analogie Cassis/Lim ette und entwickelt sich je nach Schärfecharakter vom Ersteindruck, der eine Mischung aus gepressten hoch reifen Schwarzen Johannisbeeren mit einigen Spritzern Limettensaft ist.
Aus dieser Eröffnung entwicken sich Klänge herber getrockneter Limettenschale in einem Umraum aromatischem Cassis, wie ihn meine Oma anzusetzen pflegte. Ebenso wie bei Düften verbleiben beim Abgang eher die Destilate, die je nach Sorte reichhaltig nachklingen. Die Gruppe Capsicum baccatum umfasst jedoch mehrere dieser Hauptklänge, die sich dann auch teilweise in anderen botanischen Arten spiegeln. Für die einzelnen botanischen Arten lassen sich so diverse Hauptklänge beschreiben, die in der Küche gerade dort, wo frische Früchte verarbeitet werden zum Tragen kommen. Durch den Prozeß des Trocknens konzentriert sich die Süße und viele Sorten zeigen Ihre Aromen in einer gewissen Veredelung, was jedoch nicht als Standart für alle Sorten zutrifft und so möchte ich zum Abschluß alle Interessierten, die diesen Worten in eigener Sinnlichkeit begegnen möchten einladen, in den Atem des Drachen einzutauchen.
Für Fragen zu diesem Thema: Boris Reinsch kunstraum.brake@online.de
Copyright des Textes und der Bilder by Boris Reinsch
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Britische Kinder staunen.
- Pommes frites sind aus Kartoffeln. Artikel in der Zeitung "d`Wort" von dpa
Pommes frites werden aus Kartoffeln gemacht, das weiss eigentlich jedes Kind. In Grossbritannien hat allerdings mehr als ein Drittel der 8- bis 14-Jährigen keine Ahnung, was in den Fritten tatsächlich steckt. 36 Prozent von 1002 befragten Kindern und Jugendlichen meinten, Öl, Eier; Salz; Mehl oder gar Äpfel seien die Grundsubstanz der frittierten Pommes. Und auch bei Käse herrscht grosse Unsicherheit: 37 Prozent wussten nicht, dass Käse aus Milch gemacht wird. Die British Heart Foundation veröffentlichte die Studie am Montag zum Start einer neuen Ernährungskampagne, die Kinder und Jugendliche dazu ermuntern soll, gesünder und bewusster zu essen und weniger Fast Food zu konsumieren. (dpa)Zeitungsartikel der luxemburgischen Tages-Zeitung "d`Wort" vom 10.11.2005 von (dpa)
- Ein Einblick in die Arbeit des Privaten Samenarchivs von Herrn Gerhard Bohl
Das Private SamenArchiv ist eine teilkommerzielle Einrichtung, welches einen großen Teil seiner Einnahmen zur Erhaltung alter und seltener Hof-, Land- und Regionalsorten verwendet. Des Weiteren ist es eine wichtige Tauschbörse für seltene und historische Kulturpflanzen. Im Gegensatz zu anderen Organisationen und Vereinen wird kein Mitgliedsbetrag erhoben und eine Bestellung verpflichtet auch nicht zu einer weiteren Mitarbeit. Großer Wert wird auf billigste Abgabe des Erhaltungssaatgutes und die Weitergabe der vermehrten Sorten durch die Vermehrer (Paten, Erhalter) selbst gelegt.
- Die Sorten erhalten und die Vielfalt fördern, von Gerhard Bohl
Gegründet wurde das SamenArchiv vor 15 Jahren von Gerhard Bohl als reine Tauschbörse für interessante Tomatensorten. Heute ist es in den Betrieb der Gärtnerin Susanne Kunstmann integriert, um es auf finanziell einigermaßen tragfähige Beine zu stellen. Dennoch ist nichts vom Tauschgedanken und den Prinzipien des Sortenerhalts durch Anbau im eigenen Garten verloren gegangen. Gerhard Bohl stellt Ihnen im nachfolgenden Beitrag die wichtigsten Grundsätze, Intentionen und Aktivitäten des SamenArchivs und das Prinzip des Saatgut-Tausches vor.
Das SamenArchiv verfügt über rund 1.500 samenfeste Tomatensorten und Wildtomaten, etwa 700 Bohnensorten, zahlreiche seltene Kürbisgewächse und viele weitere Nutz- und Zierpflanzen aus aller Welt. Darunter auch seltene Knollen wie Apios, Ulluco und Oxalis tuberosa. Viele davon sind in deutscher Sprache kaum beschrieben worden und in Mitteleuropa nahezu unbekannt.
Für den Ausbau und Erhalt dieser ständig wachsenden Sortenvielfalt sucht das Archiv dringend (Hobby-)Gärtner, die mithelfen und zumindest eine Sorte anbauen und vermehren. Dies gilt insbesondere für kreuzungsgefährdete Arten wie Feuerbohnen (Phaseolus coccineus), Amaranth, Mais und verschiedene Kürbis-Arten. Dabei stellt das Archiv jeder interessierten Person, Institution und auch jedem kommerziell arbeitendem Betrieb Saatgut möglichst unbürokratisch, billig und schnell zur Verfügung.
Ein Zwang, diese bestellten Sorten auch zu vermehren, wird nicht ausgeübt. Nur wer Spaß an der Arbeit des Sortenerhalts findet, braucht auch Saatgut zurücksenden und kann einen kleinen Bericht erstatten. Eine Kontrolle findet nicht statt. Anschriften werden nicht gespeichert. Das Archiv sieht seine grundsätzliche Arbeit zunächst darin, möglichst viele Sorten durch den Anbau erst einmal (wieder!) bekannt zu machen. Für die Vermehrung vieler Sorten ist weder ein Gewächshaus, ja zum Teil nicht einmal ein Garten erforderlich. So lassen sich Wildtomaten sogar bestens auf dem Balkon vermehren, weil hier kein Verkreuzungsrisiko aus Nachbars Garten und ein günstiges Kleinklima vorliegen.
Wer jedoch Spaß an der Vermehrung alter und seltener Sorten findet, kann das SamenArchiv anschreiben und eine Art (z. B. "Gartenkürbis" oder "Gurke") nennen, an der ein besonderes Interesse besteht. Das SamenArchiv wählt dann eine Sorte aus, bei der Vermehrungsbedarf besteht.
Wer eine Übersicht über den Sortenbestand haben oder eine bestimmte Sorte wählen möchte, sollte aber zunächst das 240-seitige SORTENBUCH bestellen, das gegen Vorauskasse von 5 Euro (Geldschein, Briefmarken, Scheck) beim SamenArchiv, Oberfichtenmühle 2, D-91126 Rednitzhembach im Versand erhältlich ist. Der Betrag beinhaltet den Postversand in Höhe von 1,44 Euro. (Ausland 7 Euro inkl. Porto).
Das SORTENBUCH ist nicht nur eine Auflistung von etwa 3.000 verschiedenen Sorten, es beschreibt sie auch und gibt kurze Tipps zur Vermehrung und zum Anbau der jeweiligen Arten. Der Text des Buches (fast 1 Mio. Zeichen!) ist aus Kostengründen extrem eng und klein gedruckt. Das SORTENBUCH wird im Abstand von 3 Jahren aktualisiert. Gegenwärtig verfügbar ist das Sortenbuch 2006 bis 2009. Demzufolge erscheint ein neues Sortenbuch im Februar 2009, wobei die vorhergehenden Ausgaben aber weiterhin und über Jahre verwendet werden können. In aller Regel werden nur wenige Sorten gestrichen - es kommen meist weitere hinzu!
Das SamenArchiv selbst bestreitet zwar selbst den größten Teil der Vermehrungsarbeit, ist aber unbedingt auf Mithilfe angewiesen. So ist es nur mit Risiken oder nur mit hohem Aufwand möglich, gleichzeitig mehrere Sorten von Amaranth oder Mais (beide werden durch den Wind bestäubt) sortenrein im gleichen Jahr und auf gleicher Fläche zu vermehren. Hier ist eine räumliche Trennung unumgänglich. Ähnlich problematisch ist die Sache bei Arten, die durch Insekten bestäubt werden - z. B. Kürbisse, Melonen, Gurken und Feuerbohnen. Während man bei Kürbissen noch eine Handbestäubung vornehmen kann, wenn man mehrere Sorten gleichzeitig anbaut, ist eine Isolation von hochwachsenden Feuerbohnen fast unmöglich. Bei einer räumlichen Trennung der Sorten ist die sortenreine Vermehrung dagegen kein Problem.
So sucht das SamenArchiv dringend Personen, die sich einer Sorte annehmen, diese vermehren und das "produzierte" Saatgut wieder eintauschen. Wer das in größerem Umfang tun möchte und den Kontakt mit anderen Gartenfreunden sucht, kann sich zudem völlig kostenlos mit seiner Anschrift im SORTENBUCH als ErhalterIn eintragen lassen. Wer dagegen mit dem SamenArchiv tauschen möchte, kann anonym bleiben und das vermehrte Saatgut gegen andere Sorten aus dem SORTENBUCH eintauschen. Insofern fungiert das SamenArchiv als Zentrale für einen lockeren Verbund von Gartenfreunden, Landwirten und Gärtnern, die verstreut in aller Welt leben.
Das SORTENBUCH ist dabei das Forum für diesen Personenkreis. Wer in einer klimatisch günstigen Gegend wohnt oder über ein Gewächshaus verfügt, kann z. B. Chili oder Afrikanische Auberginen vermehren und das Saatgut (abgesehen vom Rückporto) kostenlos gegen andere Blumen- oder Gemüsesamen tauschen.
Der Tauschwert für kleinsamige Gemüse wie z. B. Tomaten und Paprika liegt bei 1 Gramm = 1 Tüte im Wert von 1 Euro. Bei Bohnen wiederum bei 50 Gramm = 1 Tüte aus dem Archiv. Allerdings wird der maximale Tauschwert auf 20 Tüten pro Besteller und Jahr begrenzt. Ansonsten würde allein die Abwicklung der zahlreichen Tauschwünsche die Arbeit des SamenArchivs völlig blockieren. Zudem ist ja nicht sicher, ob die eingetauschte Ware einen neuen Abnehmer finden wird. Mitgliedsbeiträge werden nicht erhoben.
Für "Neukunden" des Archivs oder Leute, die nicht tauschen wollen, wird ein pauschaler Kostenbeitrag von 1 Euro je Sorte für die Archivnutzung erbeten. Das gilt auch für Sorten und Arten, die frei handelbar sind oder von denen bereits ausreichend Saatgut eingelagert wurde. Außerdem müssen die entstandenen Portokosten erstattet werden, die allerdings nur bei Knollen ins Gewicht fallen. So kostet z. B. das Porto von bis zu 5 Tütchen kleinsamigen Saatguts (Tomaten, Auberginen, div. Blumen) innerhalb Europas nur 0,55 Euro.
Wenn Schätzungen, die zum Teil durch Untersuchungen belegt sind, stimmen, so ist in den letzten 100 Jahren der größte Teil unserer Nutzpflanzensorten ausgestorben. Bei Tomaten sind z. B. über 90 % aller Sorten verschwunden (zumindest werden sie nicht mehr gehandelt). Dies ging einher mit dem Verschwinden zahlloser kleiner Vermehrungsbetriebe und Gemüseanbauer (von den Arbeitsplätzen gar nicht zu reden). Verloren ging auch das Wissen einer breiten Basis von Fachleuten zugunsten weniger Forschungslabore. Heute befassen sich internationale Konzerne mit der Pflanzenzüchtung - und in fast allen Fällen steckt die chemische Industrie dahinter. Eine perverse Realität: Die Scholle mit ihren Myriaden von Lebewesen unterjocht von der chemischen Keule und bepflanzt mit Monokulturen.
- Erheblicher genetischer Verlust bei unseren Nutzpflanzen
Hitlers Schergen haben dabei "wertvolle" Vorarbeit geleistet. In den Ernährungsschlachten des 3. Reiches sollte nur noch das Beste Platz finden, wobei natürlich ein deftiger deutscher Name schon ein entscheidender Vorteil war. Da jubelten die Gartenautoren der 1940-er Jahre noch, dass es endlich gelungen sei, der "verwirrenden Sortenvielfalt" ein Ende zu setzen. Heute findet sich dieses Gedankengut noch im Saatgutverkehrsgesetz: Der Verbrauchen soll vor den "schlechten" Sorten geschützt werden. Was "gut" und "schlecht" ist, das wird behördlicherseits festgelegt. Und wer bezahlt, der darf dann mit seiner noch so (im wörtlich weitesten Sinne) geschmacklosen F1-Hybride auf den Markt. Natürlich rechnet sich das nur bei Massenproduktion - die bevorzugt im "klimatisch günstigeren" Ausland produziert wird. Dass solche "Sorten" unserem Klima überhaupt nicht angepasst sind, scheint nicht zu stören.
F1-Hybriden sind natürlich auch keine Sorten - ein Ärgernis, mit dem man in vielen Fachbeträgen von Personen mit Professorenwürde und Doktortitel immer wieder konfrontiert wird. Eine Sache mit einem Begriff zu belegen basiert auf Konvention und Tradition, nicht auf Tatsachenverdrehung. F1-Hybriden sind Einzelpflanzen selbst wenn es Milliarden davon gäbe. Würde man dies auf das Tierreich übertragen, würde ja mit jeder Schäferhund-Pinscher-Kreuzung eine neue Hunderasse entstehen. Und die mächtigen Nachkommen einer Löwe-Tiger-Liaison wären dann ebenfalls eine neue Tierrasse. Insofern ist ein Vergleich von F1-Hybriden mit richtigen Sorten unsinnig. Es besteht weder der gleiche Entwicklungsstand, noch kann man eine Sorte in ihrer Gesamtheit mit einer Summe von Einzelpflanzen vergleichen. F1-Hybriden spalten auf und machen so einen Nachbau unmöglich. Sie sind das ideale Mittel, um Konkurrenten auszuschließen. Jeder Produzent einer Hybride hat somit einen eingebauten Sortenschutz. Das SamenArchiv gibt daher auch keine F1-Hybriden ab. Es will ja gerade für das Gegenteil, nämlich für die Verbreitung der alten Sorten sorgen. Es scheint aber schwierig, (Hobby-)Gärtner davon zu überzeugen, dass es Alternativen zum teuren Hybridsaatgut gibt, wenn die Redakteure der zahlreichen Gartenzeitschriften unisono behaupten, F1-Hybriden brächten einen höheren Ertrag und wären "resistenter".
Deshalb kennen wir auch nur rote Einheitstomaten und orange Möhren. Sorten dagegen, die sich über Jahrhunderte gehalten haben, wurden kraft behördlicher Bestimmung zu Abfall. Dabei kann jeder im eigenen Garten testen, was von teurem Hybridsaatgut im Vergleich zu alten Landsorten zu halten ist. Hier geht es nicht um Geschmack und gesunde Pflanzen, sondern um Marktbeherrschung. Am Ende werden diejenigen über die Welt regieren, welche sich die Macht über unser Saatgut angeeignet haben. Die Politik scheint sich daran nicht zu stören, "verkauft" die eigene Bevölkerung an die Chemische Industrie und erklärt damit die Leistungen unserer Vorfahren für obsolet. So verwundert es nicht, dass seit Generationen kaum mehr jemand weiß, wie eine richtige Tomate schmeckt oder dass es gelbe und violette Möhren gibt. Heute essen wir die gleichen Möhren wie die Italiener und Franzosen. Regionale Spezialitäten gibt es nur noch verstreut. Zwar verlangt man in Süddeutschland noch "Gelbe Rüben", bekommt aber orange Möhren. Niemand scheint sich daran zu stören.
Die Entfremdung von unseren Nutzpflanzen ist bereits so weit fortgeschritten, dass viele Leute gar nicht sagen können, wie Salat blüht. Unsere Kinder können problemlos zehn Automarken nennen, aber nicht einmal zehn Tomatensorten (von vielleicht weltweit noch 15.000). Kürzlich sah ich im Fernsehen einen (ansonsten seriösen) Beitrag über ein italienisches "Dorf der 100-Jährigen". Dort esse man "eine Art Kichererbse", hieß es. Jeder, der Augen im Kopf hat, konnte sehen, dass die Frauen aber Platterbsen (Lathyrus sativus) kochten, die sich schon in der Form völlig von allen Lathyrus-Arten unterscheiden. Wie kann es sein, dass ein Großteil der Bevölkerung keine Puffbohnen, keine Melde, keine Hirsen mehr kennt oder gar glaubt, Möhren seien orange, Tomaten rot und Auberginen violett? So brutal kann die Wirkung von Marketing sein, dass wir glauben, das Designer-Food aus dem industriellen Anbau sei unsere Nahrung.
Und anstatt uns die Genüsse unserer Vorfahren munden zu lassen, füttern wir eine gigantische Bürokratie, die mit der EU einen unbegrenzten Spielplatz gefunden hat, und lassen uns vorschreiben, was wir zu essen haben. So finden wir Arten, die gewisse Marktbedeutung haben, im Saatgutverkehrsgesetz. Sorten dieser Arten wiederum werden geprüft und benötigen eine Zulassung. Werden sie nicht mehr nachgefragt, verlieren sie die Zulassung wieder - egal, ob sie gut oder schlecht sind. Da dies alles mit hohen Kosten verbunden ist, bleiben natürlich nur Sorten übrig, die von Großunternehmen stammen. Unser Staat unterzeichnet internationale Übereinkommen zur Rettung genetischer Ressourcen, vernichtet sie aber andererseits völlig grundlos und mit beängstigendem Eifer. Dabei wird auch die Existenz eines ganzen Betriebes in Kauf genommen. In der EU hat man staatlich verordnete Produkte anzubauen. Wer ausschert, muss büßen. Das Saatgut unserer Großeltern ist für die Enkel tabu. Zum Glück kennt man in anderen Staaten (z. B. in der Schweiz und den USA) keine staatlich gelenkten Ausrottungskampagnen. Und ich habe von dort auch noch nichts von einem Einwohnerschwund aufgrund des Genusses alter Gemüsesorten gehört.
Genetisch gesehen ist der Verlust so vieler Sorten eine Katastrophe. Wertvolles genetisches Material ging zugunsten inzüchtiger Einheitssorten verloren. Die Arbeit von Generationen fiel kurzfristigen Gewinninteressen zum Opfer. Heute essen wir Fertignahrung aus den immer gleichen Grundstoffen mit Geschmacksverstärkern als Ersatzmittel zur echten Vielfalt - Monokultur mit Chemie versetzt. Seltsamerweise (ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt und evtl. sogar Filz zwischen Bürokratie und Großkonzernen vermutet) wird "Verbraucherschutz" bei Fertigprodukten weit laxer betrieben. Es gibt ja immer noch Leute, die glauben, der Erdbeergeschmack im Erdbeerjoghurt käme von echten Erdbeeren. Warum muss nicht klar deklariert werden, wenn stattdessen Baumrinde drin ist? Warum wird Hähnchenfleisch aus Fernost (Vogelgrippe!) nach der Verarbeitung im Inland zu deutscher Ware?
Unsere Nutzpflanzen sind ja nicht vom Himmel gefallen, sondern das Ergebnis unsäglich mühsamer, oft tausendjähriger Auslese- und Züchtungsarbeit. Dabei haben die Pflanzen Giftstoffe verloren und wertvolle Inhaltsstoffe gewonnen. So ist letztendlich eine Symbiose zwischen Mensch und Nutzpflanze entstanden: Wir Menschen konnten mit Hilfe der Pflanzen sesshaft werden, Städte gründen und mit der Arbeitsteilung beginnen. Unsere gesamte Kultur gründet sich auf Nutzpflanzen. Wer der Menschheit die Nutzpflanzen nimmt, zerstört die Grundmauern unserer Existenz. Er will sie erniedrigen, sie jeder Kultur entfremden und als freie Manövriermasse und als Konsument zur Verfügung haben. Schon jetzt geht es in diese Richtung: Arbeitnehmer haben gefälligst "flexibel" zu sein. Am liebsten sähen es manche Arbeitgebervertreten, wenn sich der "Produktionsfaktor Arbeit" im Wohnwagen durch das Land bewegen würde und vor den Fabriktoren um Arbeit bettelte. Das ist im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" ja schon Realität.
In der Vergangenheit ist der Mensch mit seinen Nutzpflanzen eine Symbiose eingegangen. Folglich können auch die Nutzpflanzen ohne gärtnerisches Wissen nicht existieren. Sie sind nicht nur auf Fürsorge (Düngung, Bewässerung etc.) angewiesen, sie können sich ohne menschliche Hilfe auch nicht mehr vermehren. So springen die Hülsen der Bohnen nicht mehr auf und lösen sich die Samen von Mais nicht mehr aus den Kolben. Es würden sogar ganze Arten aussterben, wenn der Mensch sie nicht mehr anbaute, denn nicht wenige unserer Nahrungspflanzen sind als Wildform in der Natur gar nicht mehr anzutreffen oder sie sind das Ergebnis von Kreuzungen verschiedener Wildarten, die so in der Natur nie vorkamen. Je weniger Menschen sich mit Vermehrung und Aussaat von Kulturpflanzen beschäftigen, desto mehr wird die Sortenvielfalt schwinden und die Abhängigkeit von industriell gefertigter Nahrung steigen
Vor Jahrtausenden, als die Landwirtschaft noch in den Anfängen stand, begann der Mensch solche Pflanzen herauszuselektieren, welche z. B. nicht mehr ausstreuten, Bitterstoffe verloren haben oder größere Früchte ansetzten. Dies war unabdingbar für das Sesshaftwerden. Doch die schnöde Nahrungsaufnahme und der Zwang überleben zu wollen, war nicht die alleinige Schubkraft für das Entstehen einer gigantischen Sortenvielfalt. Ansonsten würde sich unser Zusammenleben kaum von dem eines Insektenstaates unterscheiden. Vielfach waren es kulturelle, rituelle und religiöse Gründe oder nur der Spieltrieb des Menschen, welche hier nachhalfen.
- Sortenvielfalt ist eine kulturelle Leistung
Schon an der Kartoffel kann man erkennen, welch ein Beziehungsgeflecht zwischen Kultur und Nahrungsmitteln besteht. So verwenden wir für Klöße und Püree mehlig kochende Sorten, für Bratkartoffeln und Salat dagegen festkochende. Oft sind Nahrungsaufnahme und Riten unmittelbar miteinander verbunden. Man denke nur an alkoholische Getränke. Und zudem werden Pflanzen ja nicht nur zum Verzehr angebaut: So kann man aus Sorghum- Hirsen Mehl, Sirup (Zuckerhirse) und Besen (Besenhirse) herstellen. Dabei sind Sorten entstanden, die universell oder nur für einen Zweck verwendet werden. Eine Körnerhirse wird sich weniger zur Herstellung von Besen eignen und umgekehrt. Bestimmte Amaranth-Sorten wie 'Hopi Red Dye' wiederum liefern Körner, aus denen man Brei herstellen kann sowie Blätter, die essbar sind und zudem zum Färben von Maisfladen verwendet werden. Wobei letztere wieder zu rituellen Zwecken verwendet werden.
Schon anhand dieser wenigen und einfachen Beispiele zeigt sich, wie eng das Beziehungsgeflecht zwischen menschlicher Kultur und unseren Nutzpflanzen ist. Die Beispiele zeigen aber auch, welch großer Schaden entsteht, wenn es zu einer Entfremdung von Nutzpflanze und menschlichen Gemeinschaften kommt. Wer die Kontrolle über unsere Nutzpflanzen erlangt, fügt der Menschheit nicht nur materiellen Schaden zu. Er zerstört ihr soziales Umfeld, schwächt damit den Einzel-nen und macht ihn abhängiger.
Wildpflanzen spalteten sich in menschlicher Obhut in eine ungeheuere Zahl von Sorten auf und brachten immer wieder neue Spielarten und Mutationen hervor, die, so sie aus irgendeinem Grund Gefallen fanden, weitervermehrt und stabilisiert wurden. Häufig fanden Sorten in größeren Regionen durch Handel Verbreitung (Landsorten), manchmal wurden sie auch nur in der Familie weitergegeben (Haus- oder Hofsorten). Je mehr Landwirtschaft und Gemüseanbau expandierten, umso größer wurde der Reichtum an Sorten.
Bewundernswert ist insbesondere der immense Züchterfleiß der Indios Süd- und Mittelamerikas. Ihnen verdanken wir Tomaten, Mais, Amaranth, Kartoffeln, Paprika und die Phaseolus-Bohnen. Pflanzen, die heute in fast allen Klimazonen der Erde wachsen. Obwohl der amerikanische Kontinent als letzter von der Menschheit besiedelt wurde, haben die amerikanischen Indianer-Völker weit höherwertigere und universell breiter einsetzbare Nutzpflanzen geschaffen als andere Kulturvölker dieser Welt. Eine Leistung, welche ihnen die Europäer mit Unterjochung und Ausrottung gedankt haben. Und der Feldzug gegen die Schöpfer unserer Nahrungsmittel geht weiter: International agierende Konzerne eignen sich alte Landsorten an, verändern sie leicht und lassen sich darauf Patente geben. In Indien gab es deswegen schon Aufstände. Doch auch die nordamerikanischen Farmer sind längst nicht mehr Herr ihrer eigenen Scholle. Sie haben anzubauen, was ihnen die großen Nahrungsmittelkonzerne vorschreiben.
Das SamenArchiv bemüht sich, auf die Vielfalt unserer Nahrungspflanzen hinzuweisen und gegen eine Vereinheitlichung unserer Lebensgrundlagen vorzugehen. Hier bekommt man noch Maissorten der Hopi und der Mandan sowie Bohnen und Tomaten der Cherokee-Indianer.
Dass Pflanzen Kulturgüter und ein Erbe der gesamten Menschheit sind, scheint die Öffentlichkeit nicht zu interessieren. Man stelle sich vor, Bürokraten und Politiker würden historische Schriften, Bauten und Gemälde vernichten lassen. Ein Aufschrei ging durch die Presse! Doch die Vernichtung unserer wichtigsten Kulturgüter, den Nutzpflanzen, löst keinerlei Empörung aus. Ein kluges Buch oder ein schönes Bild lässt sich von einer begabten Person (man denke nur an den genialen "Fälscher" Konrad Kujau) leicht wieder herstellen. Eine einmal verlorene Gemüsesorte dagegen bleibt für immer verloren.
Minderer Nährstoffgehalt der Massenware
Heute hingegen ist diese Vielfalt in Vergessenheit geraten. Geschmacklose Massenware einheitlicher Sortierung wird in wenigen Anbauzentren produziert und dann über den ganzen Erdball verschickt. Hohe Lagerfähigkeit und extreme Festigkeit lassen weite Lieferstrecken zu. Tomaten haben rot, rund und wochenlang schnittfest zu sein.
Die Reduzierung auf solch (ernährungsphysiologisch völlig unwichtige) Eigenschaften ist schon symptomatisch für unsere Nahrungsmittelindustrie: Die Anzahl der Arten und Sorten unverarbeiteter Nahrungsmittel sinkt ständig, während die Industrie durch Verarbeitung der Grundnahrungsmittel immer wieder neue Fertigprodukte ersinnt.
Bei Tomaten und anderen Gemüsen reduziert sich das Angebot auf Sorten, die in erdlosen Substraten möglichst schnell heranwachsen und überhaupt keine Zeit bekommen, ausreichend lebenswichtige Mineralien und Vitamine einzulagern. Ihre Früchte sind nur geschmacklose Hüllen. Untersuchungen zeigen ganz deutlich, dass der Nährstoffgehalt der neueren Gemüsesorten dramatisch abgenommen hat. Zudem wird von Forschern der Verdacht geäußert, dass etliche Zusatz- und Farbstoffe industriell gefertigter Nahrung sogar unser Gehirn schädigen können.
1. Basisarbeit: Verbreitung und Wiedereinführung alter und seltener Sorten durch den Tausch von Saatgut
- Arbeitsschwerpunkte des SamenArchivs
Das Archiv wurde gegründet, um alte Gemüse-Sorten und Neuerungen (wieder!) in unseren Gärten heimisch zu machen. Wesentlicher Eckpfeiler ist dabei der Tausch von Saatgut mit und unter den ErhalterInnen (Paten). Dass so viele Longlife-Tomaten aus Holland und Südeuropa eingeführt werden, liegt sicher nicht an den guten Geschmackseigenschaften der Importware. Es gibt einfach keine Alternativen! Viele alte und ausgefallene Sorten werden weder als Frucht noch als Saatgut gehandelt. So legen europäische und nationale Vorschriften Zulassungshürden für Saatgut fest, die nur größere Züchter überspringen können. Der Handel mit Massenware wird eindeutig begünstigt. Und pflanzengenetische Ressourcen werden weiterhin in den Genbanken schlummern, wenn wir an diesem System nichts ändern.
Die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt wird aber nur gelingen, wenn diese Pflanzen auch angebaut werden. Das bloße Archivieren und Aufbewahren des Saatguts bringt noch keine Sortenvielfalt zurück. Daher hat sich das Private SamenArchiv einem breiten Publikum geöffnet. Es will neugierig machen und Alternativen bieten und so das Überleben der alten Sorten langfristig sichern. Nur wer einmal eine braune, süß schmeckende Tomate gegessen hat, wird den Unterschied zur Supermarktware auch bemerken und entsprechende Konsequenzen bezüglich seiner Ernährung ziehen.
Voraussetzungen für ein Tauschangebot
Auch Pflanzen werden von Pilz-, Virus- und Bakterienkrankheiten befallen. Einige dieser Erreger können auch auf dem Saatgut jahrelang überleben. Daher wird von jedem Tauschpartner (Paten, Vermehrer) erwartet, dass er nur absolut gesunde und wüchsige Pflanzen vermehrt. In der Regel genügen hier der Augenschein bzw. der Vergleich mit gesunden Pflanzen.
Weit schwieriger ist das Problem mit der Verkreuzung. Ohne einige Grundkenntnisse geht hier nichts. Wer Kürbisse vermehren will, muss natürlich wissen, dass sich nicht nur Sorten der gleichen Arten, sondern auch einige Arten untereinander kreuzen können. Kreuzungsgefährdet sind z. B. auch alle Kohle. So kann sich Rosenkohl mit Grünkohl kreuzen. Das Angebot des SamenArchivs mit rund 3.000 Sorten ist aber so umfangreich, dass selbst blutigste Anfänger zahlreiche Arten und Sorten finden können, die sich selbst auf engstem Raum kaum verkreuzen. Dazu zählen viele Kräuter oder Bohnen der Art Phaseolus vulgaris. Im SORTENBUCH wird auf die Verkreuzungsgefahr hingewiesen. Insofern wird jeder Interessent eine seinem Wissens- und Kenntnisstand angemessene Art oder Sorte finden.
"Eintauschpotential" und "Tauschbestellung"
Getauscht werden zunächst nur die im SORTENBUCH genannten Sorten, wobei für jede Art ein anderer Tauschwert gilt. 1 Gramm Wildtomatensamen ist dabei so viel wert wie 50 Gramm Mondbohnen. Der Tauschwert ist also u. a. abhängig von der Größe/dem Gewicht der Samen, von der Schwierigkeit der sortenreinen Vermehrung und vom Aufwand der Saatgutaufbereitung. Auch kann der Tauschwert von Pflanzenarten, die große Samenmengen liefern, z. B. Getreide oder Körner-Amaranth, nicht so hoch sein wie bei kompliziert zu ziehenden Gemüsen wie z. B. der Balsamgurke (Momordica).
Gewisse Sorten - z. B. solche, die noch gehandelt werden oder schon ausreichend im Archiv vorhanden sind - sind allerdings vom Tausch ausgeschlossen. Daher muss jeder Besteller bei seiner Bestellung die Sorten auflisten, welche er zu vermehren beabsichtigt. In der Regel besteht aber hoher Vermehrungsbedarf bei allen Nachtschattengewächsen (insbesondere Paprika, Tomaten, Auberginen) und allen Bohnen (hier insbesondere Busch- und Feuerbohnen sowie Mondbohnen).
Das "Eintauschpotential" ist also der Wert des selbst vermehrten Saatguts, das zum Tausch angeboten wird. Als Gegenleistung liefert das SamenArchiv bis zu 20 Tüten Tauschware oder stellt einen Gutschein in der Höhe des Tauschwertes aus. Die "Tauschbestellung" gleicht also einer normalen Bestellung - außer, dass anstatt mit Geld mit Ware als Gegenleistung "bezahlt" wird. Den Tauschwert ermittelt der jeweilige Besteller selbst anhand der Angaben im SORTENBUCH oder anhand der Angaben auf der ehemals bestellten Samentüte.
Das "Eintauschpotential" sollte den Wert von 20 Euro nicht überschreiten. Schließlich ist die kostenlose Bearbeitung einer Tauschbestellung arbeitsintensiv und zudem ist ja nicht sichergestellt, dass sich überhaupt ein Abnehmer für die eingetauschte Ware findet. Für den Vermehrer (Paten) hat es aber den Vorteil, dass er sich praktisch kostenlos mit bis zu 20 neuen Sorten pro Kalenderjahr versorgen kann.
Daneben gibt es noch die Möglichkeit, per Vertrag gezielt bestimmte Sorten für das SamenArchiv gegen Bezahlung oder über die Tauschgrenze von 20 Tüten hinaus zu vermehren. Dies kommt z. B. in Betracht für Arten, die das SamenArchiv an Wiederverkäufer abgibt, die spezielle Kenntnisse im Anbau erfordern oder die - wie z. B. Passiflora - im mitteleuropäischem Klima nicht oder schlecht im Freiland fruchten bzw. nicht winterhart sind.
Auf Anfrage tauscht das SamenArchiv auch alte und seltene Sorten, egal ob Gemüse, Getreide oder Blumen, 1 : 1 ein. Vielfach wachsen in den Gärten noch Pflanzen aus Großmutters Zeit, die es im Handel nicht mehr zu kaufen gibt. Gerade an solchen Schätzen ist das SamenArchiv stark interessiert und kauft Raritäten auch gerne an. Voraussetzung ist allerdings eine schriftliche Anfrage mit Rückumschlag und ausführlicher Beschreibung (wichtig wäre ein Sortenname) der Sorte oder Pflanzenart. Wer Saatgut auf Verdacht einsendet, sollte, sofern er es bei Desinteresse zurück haben möchte, immer ausreichend Porto für die Rücksendung beilegen. Häufig kommt es nämlich vor, dass Saatgut der selben Sorte schon beim SamenArchiv liegt, auch wenn diese nicht im SORTENBUCH aufgelistet wurde.
Größte "Lieferanten" des SamenArchiv sind dabei "Weltenbummler", die allerlei Gewächse sammeln und das Saatgut gerne mit anderen teilen, welche nicht die Zeit und finanziellen Mittel haben, die entlegendsten Orte unseres Planeten zu besuchen. Und häufig wachsen ein Amaranth aus Vietnam oder eine Kichererbse aus Afghanistan in deutschen Gärten fast ebenso gut.
Daher bittet das SamenArchiv auch alle, die an ihrem Urlaubsort auf irgendeine Weise an Saatgut kommen: Nehmen Sie von jeder Sorte etwas mit und senden Sie uns ein paar Körner davon zum Testen zu. Oft handelt es sich selbst bei auf lokalen Märkten massenhaft angebotenen Waren um alte Land- oder Haussorten, die sonst nirgendwo auf der Erde angebaut werden und schon morgen ausgestorben sein können.
Eine weitere wichtige Quelle des SamenArchivs sind Deutsche, die verstreut in aller Welt leben. Und nicht zu vergessen sind die vielen ausländischen Mitbürger, welche Samen aus ihrer alten Heimat einsenden.
2. ErhalterInnen alter Sorten herausbilden - Patenschaften vergeben
Der Sprung von der Tauschbestellung zum Paten einer Sorte ist nicht weit. Wer an einer Sorte Gefallen gefunden hat, der wird sie in der Regel über Jahre anbauen und vermehren. Solche Personen können sich als "ErhalterIn" in die Sortenliste eintragen lassen. Die kostenlose Eintragung ermöglicht den "Vertrieb" des Saatguts in Eigenregie und bringt häufig interessante Kontakte zu Gleichgesinnten.
Die fleißigsten Helfer des Samenarchivs sind jedoch die "stillen ErhalterInnen", also Personen, die aus verschiedensten Gründen auf eine Eintragung verzichten und dem Samenarchiv stattdessen über Jahre hinweg Saatgut und ihre Erfahrungen mit den jeweiligen Sorten zur Verfügung stellen. Durchschnittlich betreuen solche Personen etwa sechs Sorten. In einem Fall sind es auch weit über 100 Sorten.
3. Erstellen einer "beschreibenden Sortenliste"
Mit großen Erfolg ist es dem Samenarchiv gelungen, Interesse für die Sortenvielfalt - insbesondere bei Tomaten - zu wecken. Das zeigen jedenfalls Anfragen und Reaktionen auf Artikel in den Printmedien sowie auf Sendungen im Fernsehen und im Hörfunk. Da das Samenarchiv aus finanziellen, zeitlichen und personellen Gründen nicht in der Lage ist, Anfragen zu beantworten, muss es sich auf den stereotypen Versand des SORTENBUCHS und den Hinweis auf diverse Veröffentlichungen des Archiv-Gründers, wie diese hier, beschränken. Fakt ist nämlich auch, dass Vielfalt verwirrt.
Was das Sortenbuch betrifft, so wird manche Sorte nur aufgrund ihres Namens - oder was man daraus herausliest - geordert, da teils ausführliche Beschreibungen fehlen. Dies soll mit jeder Ausgabe des SORTENBUCHS verbessert werden. Bei einigen Sorten wird daher jeder Bezieher von Saatgut aufgefordert, eine kurze Sortenbeschreibung durchzuführen. Diese Beschreibung ist auf einer vorgedruckten Karteikarte (DIN C6) in zwei bis drei Minuten durchzuführen. Bei Tomaten werden z. B. 15 Positionen abgefragt - u. a. der Ertrag (hoch, mittel, niedrig), der Reifebeginn (Datum) und die Widerstandsfähigkeit gegen Braunfäule. Die Antworten sind entweder vorgegeben und können angekreuzt werden oder können, wie die Wuchshöhe, schnell eingetragen werden.
Die eingehenden Daten werden dann ausgewertet und mit den vorhandenen, meist vom SamenArchiv selbst ermittelten, Werten verglichen. Sukzessiv werden die Informationen dann in gebündelter Form in das SORTENBUCH übernommen, welches somit gleichzeitig zu einer beschreibenden Sortenliste wird.
Pflanzen sind Lebewesen, die sich je nach Witterung, Anbauweise, Boden und Pflege anders verhalten. Insbesondere der Ertrag und die Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten sind hier von Interesse. Bei Tomaten liegt der Interessenschwerpunkt bei der Widerstandsfähigkeit der jeweiligen Sorten gegen Kraut- und Braunfäule. Hier sammelt das SamenArchiv seit Jahren Daten und versucht, die Erkenntnisse weiterzugeben. Teils werden die Ergebnisse von verschiedenen Einrichtungen (Landwirtschaftsämtern, Gartenbauvereinen etc.) zur Schulung und bei Vorträgen verwendet.
4. Auslese widerstandsfähiger Sorten für den regionalen Anbau
Nach mehreren Jahren des schweren Befalls durch die Kraut- und Braunfäule an Tomaten versucht das Samenarchiv solche Sorten auszulesen, die eine gute Widerstandsfähigkeit gegen Phytophthora infestans besitzen. Diese Sorten wurden - um die Sache verständlich zu machen - wie mit Schulnoten bewertet. Es wurden bereits rund 20 Sorten gefunden und beschrieben, die relativ stabil gegen diesen Algenpilz sind. Ein entsprechendes Info-Blatt kann beim SamenArchiv kostenlos gegen einen mit 0,55 Euro frankiertem Rückumschlag der Größe DIN C6 angefordert werden.
Seit zwei Jahren nun beteiligt sich das SamenArchiv an einem Forschungsprojekt der Uni Göttingen und des Dreschflegel e. V. Dabei werden Tomaten an rund 30 Standorten auf Braunfäulewiderstandsfähigkeit getestet. Der Test wird vom Bundeslandwirtschaftsministerium gefördert. Auch an einigen der hier getesteten zehn Sorten zeigte sich bereits eine deutlich höhere Widerstandsfähigkeit gegen Braunfäule als bei Handelssorten. Letztlich sollen sich Freilandsorten herauskristallisieren, die für den Anbau im Hausgarten, für Selbstversorger und für gewerbliche Anbauer bzw. Direktvermarkter interessant sind.
Es ist ja sowohl ökonomisch als auch ökologisch unsinnig, Tomaten über weite Strecken zu transportieren. Schließlich handelt es sich je nicht um Südfrüchte wie Bananen oder Orangen. Einige Typen wachsen sogar bei kühler Witterung besser als im Gewächshaus. Der ortsnahe Anbau und Handel bedarf daher eines Anstoßes. Gewinnaussichten sind hier wirksamer als alle ökologisch fundierten Appelle.
Hinweis auf die Gefahren der Gentechnik
Das Samenarchiv äußert sich in seinen Veröffentlichungen nicht technikfeindlich. Es will auch nicht wie so viele in die Kerbe schlagen, dass der Genuss gentechnisch veränderter Lebensmittel größere gesundheitliche Folgen haben könnte als bei solchen aus herkömmlicher Züchtung. Allergien und andere Unverträglichkeiten kommen immer wieder vor und sind bei keinem neuen Lebensmittel auszuschließen.
Etwas problematischer sehen wir die Übertragung pflanzlicher Gene auf Tiere (z. B. Schweine mit Spinat-Genen) und das Problem der Antibiotika-Resistenz. Hier kommen Fragen der Ethik ins Spiel. Auch geht es nicht an, Fakten zu schaffen, ohne dass hinreichend geklärt ist, ob und wie künstlich eingebaute Gene auf andere (Wild-)Pflanzen, Mikroorganismen (im Boden!) sowie auf die gesamte Nahrungskette wirken. Pflanzen im Freilandanbau stehen in einem engen Beziehungsgeflecht mit anderen Lebewesen. Eine kleine Veränderung kann katastrophale Folgen haben, die möglicherweise beim gegenwärtigem Kenntnisstand noch nicht einmal angedacht werden können oder die absichtlich verschwiegen werden.
Schon eine eingeimpfte Herbizidresistenz wirft unzählige, aufgrund ihrer Komplexität hier nur marginal anzudiskutierender Fragen auf. Nicht nur die Umwelt - und der am Ende der Nahrungskette stehende Mensch - wird weiter belastet und durch Unkrautvernichtungsmittel vermutlich um etliche Kräuter am Feldrand ärmer; es geht doch zuvörderst um Fragen des Zugangs zu Saatgut, aber auch um Fragen der Ethik und insbesondere um die Frage, wer denn eigentlich die Welt beherrscht.
Schon jetzt übertrifft der Umsatz multinationaler Konzerne so manchen Staatshaushalt. Eingriffe ins soziale Netz werden mit der zunehmenden Globalisierung entschuldigt. Zunehmend stellt sich die Frage, wozu wir noch den Staat benötigen, wo doch alles von den Managern der Großkonzerne vorgegeben wird. Das geht so weit, dass selbst eine sozialdemokratisch geführte Regierung einem Manager Sozialgesetzte ausarbeiten lässt.
Tendenziell werden in Presse und Politik - wie ich meine, entschieden zu kurzsichtig - nur diskutiert, ob gentechnisch veränderte Nahrungsmittel gesundheitliche Risiken bergen oder ob Antibiotika unwirksam werden könnten. Das aber heißt, das Problem zu verniedlichen. Die Gentechnik zementiert vielmehr die Macht multinationaler Konzerne und wird die meisten Kulturpflanzen zugunsten von Massenwaren rigoros ausrotten.
Vielfach wird sogar so getan, als ob Gentechnik nötig sei, um den Hunger in der Welt zu beseitigen. Mit der Einführung des Terminator-Saatguts (aus diesem Saatgut wachsen Pflanzen, die jedoch nur nicht keimfähige Samen entwickeln) haben die Gentechniker auf perverse Weise bewiesen, dass allein Kommerz der wahre Hintergrund allen "Fortschritts" in der Landwirtschaft ist. Den gleichen Effekt, nämlich eine Monopolstellung mit eingebauter Verhinderung des Nachbaus, hatten bis dato die F1-Hybriden. Bisher haben die Segnungen der Pflanzenzüchter aber nur weitere Not produziert.
Die Gentechnik wird dieses Problem noch verschärfen und soll von einfacheren Lösungen ablenken. So wird in Afrika seit Jahrzehnten (natürlich amerikanischer!) Mais angebaut. Teils glauben afrikanische Bauern sogar, es handle sich um eine einheimische Pflanze. Nun aber wird der Kontinent von immer mehr Dürren heimgesucht und Mais benötigt einmal viel Wasser. Es hat doch keinen Sinn, das Problem marginal durch die teure Züchtung - oder gentechnische Entwicklung - eines trockenheitsverträglicheren Maises lösen zu wollen: Das afrikanische Gegenstück zum Mais ist die Hirse (z. B. Sorghum-Hirsen). Dieses Getreide kommt nun mal mit wesentlich weniger Wasser aus. Manche Arten fallen sogar in eine Trockenstarre.
Es wäre also schon viel bewirkt, wenn anstatt der Werbung für westliche Hochertragssorten alten, bewährten Pflanzenarten wieder zu ihrem Recht verholfen würde. Es wird immer so getan, als gäbe es nur Mais, Soja und einige weitere Getreidearten, welche die Menschheit ernähren müssten. Tatsächlich aber werden vielleicht 2 Promille (nicht 2 Prozent) aller Nahrungspflanzen überhaupt gehandelt. Der "Rest" wird für den Eigenbedarf angebaut oder gesammelt. Dies gilt es zu fördern. Das wäre auch ökologisch und ökonomisch wesentlich billiger als das Herumdoktern an wenigen Massenprodukten.
Da es aber um Profit geht, liegt multinationalen Konzernen eher daran, möglichst viele Konkurrenten (in diesem Fall auch alternative Nutzpflanzen) auszuschalten und für einige wenige Supersorten zu werben. So lässt sich auf schnelle Art und Weise ein ganzer Planet unterjochen. Verändert (verbessert) werden doch nicht die alten Landsorten afrikanischer und asiatischer Entwicklungsländer, sondern anspruchsvolle Hochertragssorten, die nicht nur hinsichtlich der Beschaffung, sondern auch bezüglich der Pflege unverhältnismäßig kapitalaufwendig sind. Saatgut im Viererpack mit Herbizid, Dünger und Computersoftware zum Kulturablauf direkt vom Chemie-Multi - mit viel Werbung weltweit vertrieben. Das ist schon jetzt Realität. Vielfalt wäre da der Feind Nummer 1. Und wird wirklich mal eine alte Landsorte verbessert, so lassen sich die Chemie-Giganten Rechte eintragen und verlangen für den Nachbau Lizenzgebühren. Selbst Kräuter, die seit Jahrtausenden angebaut und verwendet werden, "gehören" urplötzlich US-amerikanischen Firmen.
Ich meine: Auf Pflanzen darf es keine Patente geben! Sie sind das Erbe unserer Vorfahren und gehören der ganzen Menschheit. Der kostenfreie Nachbau und der freie Handel von Kulturpflanzen muss ein Menschenrecht werden. Es darf auch nicht angehen, dass durch überzogene Agrar-Subventionen ärmeren Staaten der Garaus gemacht wird. Wie soll z. B. Mexiko Mais in die USA liefern, wenn dort der Steuerzahler einheimischen Mais spottbillig macht?
Als weiteres Ziel der Gentechnik wird genannt, Pflanzen gegen Krankheiten (Bakterien, Pilze, Viren) und Schädlingsbefall resistent zu machen, was Insektizide und Fungizide sparen hilft. Nun werden aber Pflanzen von einer Vielzahl von Krankheiten befallen. Und von etlichen Krankheitserregern gibt es eine Vielzahl von Rassen. Die Frage ist, ob es auf volkswirtschaftlicher Ebene und bezüglich der Welternährung überhaupt sinnvoll ist, empfindliche Hochertragssorten mit einer Vielzahl von Resistenzen zu impfen. Die westlichen Industrienationen kämpfen schon jetzt mit Überproduktionen und für Entwicklungsländer wären solche Sorten aufgrund der hohen Folgekosten, z. B. für Dünger und Bewässerung, uninteressant. Zudem bergen sie die Gefahr, dass Bauern in den Entwicklungsländern im Glauben auf einen hohen Ertrag vom alten Prinzip der Risikostreuung (gleichzeitiger Anbau mehrerer Sorten und Arten) abrücken. Wer nur eine Sorte anbaut, kann alles verlieren. Es geht nicht an, die Ärmsten auf unserer Erde in ein Lotteriespiel hineinzuziehen, das mit Verhungern enden kann.
Gerade bei Gemüse kann es zudem sein, dass konstante Temperaturen erforderlich sind, welche man u. a. nur durch Einsatz von Folientunneln einzuhalten kann. Jeder weiß, wo dieses Material, wenn es einmal porös wird, in den Armenregionen unserer Welt landet - nämlich in der freien Natur! Zu fragen ist auch, ob ein "Befall", z. B. durch Viren, kein Manko, sondern ein sortentypisches Merkmal ist - also sortenspezifische Eigenschaften ausmacht. Schließlich wird auch der Mensch von mehr Fremdorganismen besiedelt (insb. im Darm), als die Zahl seiner Körperzellen ausmacht.
Zeigen denn nicht gerade die alten Landsorten seit Jahrhunderten jene Widerstandskräfte, die den Hochleistungssorten mittels der Gentechnologie erst angeeignet werden sollen? Wie sonst hätten denn unsere Vorfahren überleben können - und das ohne Chemie und Hybridsaatgut! Es ist schon seltsam, die robusten Landsorten, die den Gentechnikern als Ausgangspunkt für ihre Arbeit dienen und weiterhin dienen könnten, werden von transgenen Sorten unwiederbringlich verdrängt. Das Ergebnis wird eine weitere Verarmung unserer jetzt schon mehr als kärglichen Nutzpflanzenvielfalt sein. Mit fatalen Konsequenzen für unsere Ernährung und dem Kampf gegen den Hunger auf der Welt.
Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, Direktvermarktern und Gärtnereien
Das Samenarchiv greift jeden Gedanken einer Zusammenarbeit mit anderen Organisationen auf, die sich mit der gleichen Materie beschäftigen. Es bietet allen Erhalter-Organisationen, Betrieben und Privatleuten an, deren Anschriften im alle drei Jahre erscheinenden SORTENBUCH kostenlos zu veröffentlichen. Selbst, wer nur eine Sorte erfolgreich vermehrt und Saatgut davon weitergeben möchte, kann sich eintragen lassen. Gleiches gilt für Firmen, welche samenfeste Sorten (also keine F1-Hybriden) als Saatgut oder als Jungpflanze verkaufen.
Andererseits arbeiten viele Leute mit dem SamenArchiv zusammen, die im SORTENBUCH nicht genannt werden möchten, weil sie z. B. zu viele Anfragen befürchten. Insofern gibt es auch eine "stille Mitarbeit", bei der nur mit dem Archiv getauscht wird. Zahlreiche Selbstversorger, Gärtnereien und Direktvermarkter nutzen diese Chance und kommen auf diesem Wege kostenlos zu Saatgut seltenster Sorten, das anderswo nicht oder nur mit hohem finanziellem Aufwand zu erhalten ist.
Alle Organisationen, die sich mit der Erhaltung von Nutzpflanzen beschäftigen, stehen vor dem Problem dass der Tauschwille, insbesondere bei jungen Menschen, nachlässt. Die Tendenz geht eher zum Kauf von Früchten und Jungpflanzen. Diese bedauerliche Entwicklung lässt sich nicht leugnen. Sie ist aber auch Ausdruck einer sozialen Isolierung des Einzelnen und einer zunehmenden Verstädterung - Strukturen, welche eine Entfremdung von der Natur, der Kultur und des sozialen Umfelds fördern und anfällig machen für eine künstliche Konsumwelt, in der man für alles bezahlen muss.
Es hat auch keinen Sinn, auf mehr Engagement zu pochen oder diesen Personenkreis gänzlich auszuschließen. Vielmehr sollten kommerzielle Anbauer und Gärtnereien dies als Chance begreifen. Die Massenware in den Gartencentern könnte schneller ausgedient haben als man noch heute glaubt.
Der Markt wandelt sich schnell. Man denke nur, wie aus dem Nichts im Herbst überall Kürbisse angeboten werden. Plötzlich gibt es "Kürbisdörfer" und so mancher Landwirt kann mit 30 und mehr Sorten aufwarten. Gleiches gilt bei Kartoffeln: Auch sie sind nicht mehr langweilig braun, sondern auch rot und blau; teils sogar zweifarbig. Dies ließe sich auch auf alte Gemüsesorten übertragen. So könnten Gärtnereien mit dem Verkauf von Jungpflanzen auch Personen ansprechen, die sich, z. B. aufgrund ihrer beruflichen Einbindung oder aus Zeitmangel, nicht selbst mit der Sortenvermehrung beschäftigen können.
Letzte Aktualisierung: 31.10.2005 - © Garten-pur GbR
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Jahrtausendelang lebte der Mensch vom Jagen und Sammeln. Vor etwa zehn- bis fünfzehntausend Jahren begannen unsere Vorfahren Pflanzen kontrolliert anzubauen. Zumeist Mutationen, wie süße Kürbisgewächse oder nicht ausstreuende Gräser. Pflanzen, die in freier Natur keine Überlebenschance haben. So entstand eine Symbiose zweier vollkommen unterschiedlicher Lebensformen. Der Mensch konnte erst dadurch Ackerbau und Arbeitsteilung betreiben, Städte gründen und eine Zivilisation aufbauen. Die Nutzpflanzen wiederum brachten es zu einer Vielfalt, die sich nur in menschlicher Obhut entwickeln konnte.
- Auszug des Vorwort zum Sortenbuch des Privaten Samenarchivs von Gerhard Bohl:
Seit der Industrialisierung der Landwirtschaft, staatlichen Eingriffen und der Globalisierung der (Land-)Wirtschaft ist diese Vielfalt jedoch rapide zusammengeschmolzen. Heute bestimmen internationale Konzerne, was Bauern und Farmer anzubauen haben und subventioniert der Steuerzahler die Ernte von uniformen Massenprodukten. Unsere Existenz gerät dabei zum Spielball kommerzieller Interessen. Letztendlich wird derjenige die Welt beherrschen, der die Lebensmittelproduktionen kontrolliert. Uniforme Pflanzen ebnen dabei den Weg.
Jahrhundertealte, ja viele tausend Jahre alte Pflanzen werden von Industrie-Sorten verdrängt, die nur unter computergesteuerten Bedingungen wachsen. Spitze der Perversität sind "Terminator"-Pflanzen, die keinen keimfähigen Samen mehr ansetzen, damit sie ja niemand nachbauen kann. Hand in Hand mit den multinationalen Konzernen gehen die Gesetzgeber der EU. Heute entscheiden Bürokraten darüber, was wir essen dürfen. Jedes Kind kann problemlos einige Automarken aufzählen, doch Hand auf´s Herz: Wieviele der noch rund 10.000 Tomatensorten können Sie nennen? Oder wieviele der rund 50.000 Maissorten? In Süddeutschland verlangt man im Laden "Gelbe Rüben", bekommt aber orange(!) Möhren. Und niemand wundert sich darüber! In Italien heißen Tomaten "Pomodore" (Goldapfel), aber im Laden sind die Früchte rot. Bei den Nachkommen der indianischen Hochkulturen Mittelamerikas ist es noch heute üblich, dass auf einem Feld ein paar Dutzend verschiedene Kartoffelsorten wachsen: blaue, rote, gescheckte. Ein indianischer Bauer würde sich kopfschüttelnd von unseren Kartoffel-Äckern abwenden.
Die Natur ist derart einfallsreich, dass Gentechniker dagegen wie tollpatschige Waisenknaben erscheinen. Jede noch so ausgefallene Fruchtform und -farbe hat sie schon ausprobiert. Selbst eine bananenförmige, grüne und zudem noch gestreifte Tomate kennen wir. Desgleichen monatelang haltbare Lagertomaten, violette Möhren und knackige weiße Gurken. Im eigenen Garten erlebt man dies natürlich nicht, wenn man jedes Jahr F1-Hybriden im Laden kauft. F1-Hybriden sind das "Ende der Fahnenstange". Gerade ihre Inflation hat verhindert, dass viele Landsorten insbesondere in Mitteleuropa verbessert wurden. Oft haben einheimische Sorten einen immensen Entwicklungsrückstand, weil sich niemand um sie gekümmert hat. F1-Hybriden sind natürlich auch keine Sorten - ein Ärgernis, mit dem man in vielen Fachbeiträgen von Personen mit Professorenwürde und Doktortitel immer wieder konfrontiert wird. F1-Hybriden sind Einzelpflanzen - auch wenn es Milliarden davon gibt. Würde man dies auf das Tierreich übertragen, würde ja mit jeder Schäferhund-Pinscher-Kreuzung eine neue Hunderasse entstehen.
Dass die einst mit vielen Mühen geschaffene Sortenvielfalt auch ein Ausdruck menschlicher Kultur ist, daran scheint man nicht zu denken. Würde jemand die Werke alter Meister von den Wänden reißen und durch digitale Fotos ersetzen, so ergäbe dies einen Aufschrei des Entsetzens. Bei unseren Nutzpflanzen hingegen, von denen viele schon ein biblisches Alter erreicht (und Millionen von Menschen ernährt) haben, ist dies alltägliche Realität. Bei manchen Arten ist die Zahl der Sorten in den letzten hundert Jahren um über 90 Prozent geschrumpft. Unsere Politiker scheint dies nicht zu bekümmern. Selbst einsichtige "Grüne" kommen mit dem Peinlichkeits-Argument, "aber dafür haben wir doch Genbanken, dass nichts verloren geht."
Genbanken zum Einlagern von Saatgut, das alle Jubeljahre mal wieder ausgesät und vermehrt wird, sollen die Retter in der (Argumentations-)Not sein. Jeder, der auch nur einen Funken Verstand in Sachen Biologie hat, wird wissen, dass sich Lebewesen immer wieder neu beweisen müssen. Leben ist Veränderung. Es genügt nicht, nur mal so da zu sein. Eine mehr oder weniger intensive Anpassung an veränderte Umweltbedingungen ist ein absolutes Muss allen Lebens. Noch in Brehms Tierleben war die Amsel ein scheuer Waldvogel und heute zerstochern die Vögel jedes frisch angelegte Gartenbeet. Und hätten wir heute Farbfernsehen, wenn alle Schwarzweiß-Fernseher samt zugehöriger Fabriken und Technologie eingelagert worden wären?
Unsere Nutzpflanzen sind keine toten Kulturgüter sondern Lebewesen. Hinzu kommt eine gegenseitige, symbiotische Abhängigkeit von Mensch und Kulturpflanze. Man kann nicht einfach Mais oder Bohnen aussäen und erwarten, dass diese sich nun selbst erhalten würden. Insofern sollten wir wissen, dass mit jeder Sorte, die ausstirbt, auch ein Steinchen aus dem Fundament unserer Existenz bricht. Irgendwann ist der Schaden nicht mehr zu reparieren. Dann haben wir den Ast, auf dem wir sitzen, selbst abgesägt.
Es ist nicht verwunderlich, dass gerade nach den großen Futtermittelskandalen (Sie erinnern sich noch an BSE?) kein Strukturwandel in der Landwirtschaft stattgefunden hat. Natürlich würde auch in vielen Regionen Deutschlands Soja wachsen. Aber leider sind viele der geeigneten Sorten hierzulande nicht zugelassen, und so ein Zulassungsverfahren dauert und kostet. Und es ist ja auch leichter, einen Strukturwandel zu fordern als die notwendigen Grundlagen dafür zu schaffen. Im Prinzip wollen und können dies unsere PolitikerInnen auch nicht. Während die einen ihre innige Verbundenheit mit diversen Interessengruppen nicht riskieren wollen, sind andere am Pflasterstrand der Großstädte herangewachsen und glauben vielleicht tatsächlich, dass Tomaten rot, Auberginen violett und Möhren orange seien. Unsere Vorfahren hätten sich totgelacht über diese Beschränktheit.
Woher sollen die Verbraucher denn wissen, wie eine richtige Tomate schmeckt, wenn sie schon in der dritten oder vierten Generation nur Einheitsfutter erhalten haben? Heute ersetzen Litchis, Mangos und andere Exoten die regionale Vielfalt. Selbst ältere Menschen haben noch nie eine violette Möhre gesehen oder noch nie eine gelbe, weiße oder gestreifte Tomate gegessen. Selbst Hirse, über Jahrhunderte in unseren Breiten angebaut, kennt kaum jemand mehr.
Vielleicht sind die Gründe, weshalb eine Sorte entwickelt wurde, nicht immer im Detail nachvollziehbar - theoretisch könnte es auch reiner Spieltrieb gewesen sein. Doch ist jede Sorte ein Ergebnis und eine Bereicherung menschlicher Kultur und hat einen (vielleicht im Moment noch nicht abschätzbaren) Wert als genetisches Kleinod. Dass wir heute wo viele der alten Sorten nicht mehr kennen, ist auch Folge einer totalen Entfremdung von der Natur, dem Unwissen über ökologische Zusammenhänge, der Bevormundung des Staates und einer damit verbundenen Geringschätzung von Vielfalt. Das Wissen über die Vermehrung von Pflanzen konzentriert sich auf wenige Großbetriebe, die in klimatisch begünstigten Regionen unserer Erde "produzieren" lassen. Regionale Angepasstheit der Pflanzen fällt dabei unter den Tisch. Es geht doch nicht an, dass wir die Sorten, die unsere Vorfahren entwickelt haben und von denen sie gelebt haben, heute genehmigen lassen müssen. Ein Blick ins Saatgutverkehrsgesetz zeigt, worum es geht: Dort findet man nämlich vornehmlich Arten, die im großen Stil gehandelt und von der Lebensmittelindustrie verwendet werden. Mit Verbraucherschutz hat das nichts zu tun. Jeder sollte doch selbst entscheiden können, welche Sorte er anbaut.
Weder ist das Alte besser als das Neue noch umgekehrt. Beides muss miteinander verknüpft werden. Daher kennt unser Sortenbuch keine Uniformität. Neben zahlreichen alten und historischen, oft schon vergessenen Sorten, werden Sie überraschende Neuerungen finden, die langsam in unsere Gärten Einzug halten. Durch den Anbau im eigenen Garten können Sie mithelfen, die einen bekannter zu machen und die anderen zu erhalten.
Gerhard BohlDer Artikel ist eine gekürzte Version. Den vollständigen Text finden Sie im "Sortenbuch").
Anmerkung: Der vorstehende Artikel ist ausdrücklich zum Nachdruck freigegeben. Herr Bohl freut sich, wenn der Text möglichst oft nachgedruckt oder verbreitet wird! Interessierte Presseorgane können den vollständigen Text sowie Dia-Material und weitere Texte zum Thema bei Herrn Bohl anfordern:
Gerhard Bohl, Oberfichtenmühle 2, 91126 Rednitzhembach
- Umweltschutz im Garten - Hände weg von Pestiziden und Torf von Norbert Suchanek (Gekürzte Version)
Der Schrebergarten am Stadtrand, der Garten vor dem Haus, der Schulgarten: sie alle können zu einer gesunden Umwelt und zu sauberem Grundwasser beitragen und darüberhinaus gesunde, biologische Nahrungsmittel, Gemüse und Obst liefern. Vorausgesetzt man pflegt die Gärten nach biologischen Richtlinien und läßt auch der Natur ihren Raum. Hobby- und Profi-Gärten können zudem einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung der Vielfalt in der Tier und Pflanzenwelt leisten, der nicht zu unterschätzen und Lebensnotwendig ist. Denn die Artenvielfalt ist ernsthaft bedroht. Falls Sie es noch nicht wußten: 2002 ist das "Jahr der biologischen Vielfalt" in Deutschland. Das Umweltbundesamt will so darauf aufmerksam machen, daß die Vielfalt an Pflanzen und Tieren Jahr für Jahr weniger wird, vor allem weil wir in den Industrieländern der Vielfalt auf unserer Erde die Entfaltungsmöglichkeiten nehmen.
Weltweit ist besonders der Bestand an Nahrungspflanzen bedroht. Jedes Jahr gehen Dutzende von alten Pflanzenarten auf ewig verloren, einfach nur deshalb, weil niemand sie mehr anbaut. Zahlen aus den USA, die in Europa nicht besser aussehen, belegen dies: 1903 wurden dort noch 408 unterschiedliche Arten von Erbsen angebaut. 1983 waren in den USA nur noch 25 davon bekannt, Tendenz fallend. Dies bedeutet, daß in den ersten 80 Jahren des 20. Jahrhunderts rund 94 Prozent der Erbsen-Vielfalt in den USA auf immer und ewig verloren gegangen sind. Der Verlust sieht bei fast allen Gemüsesorten ähnlich dramatisch aus und er geht weiter. Von 357 Zwiebelarten gibt es nun in den USA nur noch höchstens 21, von 55 Kohlrabisorten nur noch 3, von 578 Gartenbohnensorten nur noch 32, von 287 Mohrrübensorten nur noch 21, von 408 Tomatensorten nur noch 79, von 285 Gurkensorten nur noch 16, usw...
Bei Obst sieht die Situation nicht besser aus wie zum Beispiel beim Apfel. Von den 7098 in den USA bis 1904 gebräuchlichen Apfelsorten sind bereits über 86 Prozent verloren gegangen. Mindestens 6121 Apfelsorten sind nicht mehr vorhanden. Und von den 2683 vor 100 Jahren noch in den USA bekannten Birnensorten sind heute über 87,7 Prozent ausgestorben...
Es wird allerhöchste Zeit dieser von Menschen gemachten Erosion der Artenvielfalt unserer Kulturpflanzen Einhalt zu gebieten. Wenn schon die Regierungen so gut wie nichts dagegen unternehmen, sollten wir aktiv werden. Die Millionen von Haus-, Bauern-, und Hinterhofgärten und gerade auch die Schul- und Stadtgärten in Deutschland können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dieses einmalige Erbe der Menschheit, nämlich die Vielfalt unserer Kulturpflanzen, zu erhalten und gleichzeitig unsere Landschaft ästhetischer zu gestalten. Es muß ja nicht jeder Garten wie ein steriler, kleiner Golfplatz aussehen.
Der in München ansässige Verein Inka engagierte sich seit einiger Zeit für den Erhalt der Artenvielfalt von Kulturpflanzen und lädt Schulen in ganz Deutschland dazu ein, mitzumachen. Die Schulgarten AG der Münchner Hauptschule in der Reichenaustraße beispielsweise baut - zusammen mit Inka - alte, fast schon ausgestorbene Kartoffelsorten an und hält sie dadurch für kommende Generationen am Leben.
Um den Erhalt der Artenvielfalt kümmern sich auch biologische Gärtnereien, einige bäuerliche Betriebe und Bio-Saatgut-Produzenten. Eine gute Adresse für den Erhalt der biologischen Vielfalt im Gartenbau ist der "Verein zu Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN)" in Schandelah. Aus "Sorge um unsere Nahrungsgrundlage" wurde auch der "Saatgutfonds der Gemeinnützigen Treuhandstelle" mit Sitz in Bochum gegründet. Mit Hilfe von Spendengeldern will dieser Saatgutfonds den Bestand an Kulturpflanzen vor allem für den ökologischen, auf regionale Vielfalt ausgerichteten Landbau sichern helfen.
Der Artikel ist eine gekürzte Version.